Geschichte der Architektur

Stuck Nagel Berlin





Die Entwicklung der Grundlagen

Die "Ur-Schaffenden" ("archi-tekton") nannten die alten Griechen die Baumeister. Die Architektur gilt als Mutter der Künste, denn Malerei oder Bildhauerei entwickeln sich häufig im Zusammenhang mit Gebäuden, etwa in Form von Wandgemälden oder Friesen. Selbst die magisch-kultischen Höhlenmalereien dienten als Schmuck eines Wohngebäudes.
Das Bauen erfüllt anders als alle anderen Kulturgattungen zuallererst menschliche Grundbedürfnisse nach Sicherheit: Gebäude bieten Schutz gegen Witterung, wilden Tieren und Feinden. Aber natürlich spielen beim Bauen auch seelische und geistige Bedürfnisse eine Rolle: Die "eigenen vier Wände" und das "Dach über den Kopf" trennen die Menschen von sich und ihrer Umgebung und schaffen eigene, menschliche Dimensionen.
Nicht jeder Bau ist ein Repräsentationsbau, der mit Größe, Masse, Stil und Schmuck beeindrucken will. Aber jeder Bau repräsentiert den Geist seiner Zeit oder zumindest den seines Bauherren und des Architekten.
Parallel zu den Gebäuden für Menschen entstanden Wohnstätten für Gottheiten - ihrem Stellenwert gemäß dauerhafter und prächtiger gestaltet als für sterbliche. Die Geschichte der Architektur, des verfeinerten, durchdachten Bauens, ist wesentlich vom Sakralbau geprägt.




Alter Orient

In Mesopotamien, dem Zweistromland zwischen Euphrat und Tigris, bilden sich Stadtstaaten zu einer Zeit, da in Europa noch das Neolithikum (Jungsteinzeit, in Mittel- und Nordeuropa zwischen 4000 und 2000 v. Ch.) herrscht. Die Stromregulierungen waren nur möglich durch eine gemeinsame, gut organisierte Arbeit großer Gemeinschaften. Außerdem lockten die fruchtbaren Gebiete zwischen den beiden großen Strömen immer wieder neue nomadische Stämme oder Bergvölker an, gegen die sich die ersten Dorfgemeinschaften verteidigen mussten. Auch das führte zu einer immer strafferen Organisation und zur Arbeitsteilung. Die Anfänge der mesopotamischen Kultur reichen bis in das 5. Jahrtausend v. Chr. zurück. Erst Alexander d. Gr. bereitet den Kulturen im Zweistromland um 330 v. Chr. ein Ende. Er bringt nach Kleinasien die griechisch-abendländische Kultur, die von da an die alten mesopotamischen Kulturen überlagert.


Die Sumerer
Gegen Ende dieser prähistorischen Periode, vielleicht um 3000 v. Chr., wird der. südliche Teil Mesopotamiens von einer verheerenden Überschwemmung heimgesucht, die' an. einigen Orten alles unter einer mehr als acht Meter hohen Schlammschicht begräbt. Gegen 3000 v. Chr. beginnt mit der Herrschaft der Sumerer im Süden, einem asiatischen Volk, das wahrscheinlich aus den Ebenen jenseits. des Kaspischen Meeres herübergewandert war, die Geschichte des Landes.
Die Sumerer bringen eine fortgeschrittene, Landwirtschaft mit. Sie machen sich in den nächsten Jahrhunderten das Erz nutzbar und bauen starke und reiche Städte. Diese sumerischen Städte, Ur, Uruk, Nippur, Eridu., Lagasch sind unabhängige Stadtstaaten; jede hat einen eigenen König. Zu dieser frühen Staatenbildung kam es durch die Erfahrung, dass die einzelne kleine Menschengruppe nichts gegen die jährliche Schneeschmelzüberflutung und deren Verheerungen vermochte. Das abfließende Wasser hinterließ Schlammboden. Wo das Wasser nicht hinkam, verdorrte alles. Um das Wasser zu nützen und sich gleichzeitig vor ihm zu schützen, mussten Bewässerungssysterne angelegt und Deiche gebaut werden. Nur größere Gemeinschaften konnten diese Aufgaben bewältigen.
Die Entwicklung wird gefördert durch die Verwendung der Keilschrift, der frühesten Schrift der Welt.
Der älteste uns bekannte Ort sumerischer Zivilisation ist Uruk. Er lag um 3000 v. Chr. nahe der Mündung des Euphrat in den Persischen Golf; in Uruk entwickelte sich eine mächtige Dynastie. Hier finden wir, und vielfach besser erhalten als aus anderen, späteren Zentren, Spuren einer schon für die Sumerer typischen Architektur, den Zikkurat, den rechteckigen Turmtempel. Es ist ein künstlicher Hügel aus Ton, der von einer Mauer aus geometrisch angeordneten rohen, an der Sonne getrockneten Ziegelsteinen umgeben wird und der terrassenförmig ansteigt. Auf den berühmtesten Zikkurat von Uruk, den "Weißen Tempel" , führte eine lange, weiße, breite. Treppe über die verschiedenen Terrassenabsätze hinauf zur Spitze. Während die ägyptischen Pyramiden als Begräbnisstätten dienten, waren die sehr viel steileren Zikkurats der Sumerer riesengroße Altäre, die sich zum Himmel erhoben, um die Gottheit aufzunehmen, die von dort zu den Altären herunterstieg, wenn sie die Erde besuchen wollte.


Die Akkader
Die Herrschaft der Sumerer in dieser ersten Periode wird im Jahre 2350 v. Chr. gestürzt, als die semitischen Akkader, die sich im Westen Mesopotamiens angesiedelt hatten, unter der Führung ihres kriegerischen und staatskundigen Herrschers Sargon die Oberhand gewinnen. Während der zwei Jahrhunderte akkadischer Herrschaft (2350-2150 v. Chr.) behaupteten sie eine einheitliche, prunkliebende, kriegerische Monarchie mit einer starken Zentralgewalt. Die neue politische Lage brachte keine Umwälzung in der Kunst. Jedoch verherrlichten sie die Taten ihrer Könige auf Stelen in Reliefbildern oder fertigten von ihnen Standbilder in Stein oder Bronze an, die manchmal sogar vergoldet waren.


Die Neosumerer
Die Macht der Akkader wird durch einfallende Bergvölker beendet. Anschließend kommen die Sumerer wieder zur Macht, und es beginnt die neosumerische Zeit, eine Art sumerischer Renaissance, mit einer starken und eindrucksvollen künstlerischen Tätigkeit. Die Zikkurats, die besonders Ur berühmt machten, wurden immer gewaltiger und großartiger, wie uns ihre Ruinen bezeugen.


Die Babylonier
Herrschaft der Summerer endgültig zu Ende, die semitischen Völker überfluten das Stromtal und wählen Babylon zu ihrem neuen Machtzentrum. In diese Zeit des Übergangs und noch vor die Erstarkung Babylons gehört die glanzvolle Dynastie von Mari am mittleren Euphrat, die der archäologischen Forschung erst in diesem Jahrhundert bekannt wurde. Hier finden wir, ähnlich wie auf der Insel Kreta, einen ungeheuren Palast au feiner dreieinhalb Hektar großen Fläche, eine regelrechte Stadt mit Bauten aus roten Ziegeln, zwischen denen sich große Höfe befanden. Der Palast umschloss neben dem Wohngebäude des Herrschers einen heiligen Bezirk, einen Verwaltungsteil, wo die Beamten arbeiteten und sich die Archive - große Mengen beschriebener Täfelchen - befanden, einen Haushaltsteil mit riesigen Magazinen, Küchen und Handwerkerläden In weit ausgedehnten Ruinen wurden Plastiken, die bis in das 18. Jh. v. Chr. zurückgehen, gefunden.
Die Stadt wurde erobert und zerstört, als das Babylonische Reich unter seinem 6. König Hammurabi (1728-1686 v. Chr.) endgültig die Oberhand gewann.' Hammurabi zwang dem Gebiet zwischen Euphrat und Tigris seine Gesetze auf. Von seiner Macht kündet ein großer Block aus schwarzem Basalt (zu sehen im Pariser Louvre), auf dessen oberem Ende ein ·Relief den König darstellt, wie er vom Sonnengott den Auftrag entgegennimmt, das Gesetzbuch zu schaffen, dessen282 Gesetze im unteren Teil des Blockes eingraviert sind.


Die Kassiten und Elamiten
Aber der Glanz seiner Herrschaft ist nur kurz. Er wird durch den Einbruch barbarischer Nachbarvölker ausgelöscht. Nach einem langen Krieg fällt im Jahre 1531 v. Chr. Babylon in die Hände der Kassiten, eines iranischen Bergvolkes, und danach in die Hände der Elamiten die aus Gebiet im Osten Mesopotamiens kommen. Obwohl weder die einen noch die anderen die Kunst der eroberten Gebiete vernichten; beginnt doch eine unschöpferische Zeit.


Die Assyrer
Eine grundlegende Änderung dieser Zustände vollzieht sich, als sich die Assyrer im Lande ausbreiten, ihre Herrschaft errichten .und auch die Kunst des mesopatamischen Landes einiger Jahrhunderte bestimmen, bis ihre Macht plötzlich zusammenbricht. Es .kommt diesmal, anders als während der Herrschaft der Sumerer und der Semiten, zu einer vollkommenden politischen und geistigen Umwälzung.
Die Geschichte Assyriens wird von raubgierigen, kriegs- und ruhmsüchtigen Herrschern geprägt. Von neuen Stützpunkten am Persischen Golf und am Mittelmeer aus wenden sich die Assyrer kühneren Eroberungen zu. Schließlich greifen sie den jahrhunderte alten Feind Ägypten an und dringen tief bis über Theben hinaus vor.
Die Kunst der Assyrer zeigt in der ersten Zeit noch sumerische und akkadische Züge, verarbeitet diese Einflüsse aber bald zu einem eigenen prunkliebenden assyrischen Stil. Kriegsbeute und zahllose Sklaven bringen den assyrischen Städten Assur, Ninive und Chorsabad neuen Glanz. Der Palast von Chorsabad umfasst eine Fläche von zehn Hektar und enthält über zweihundert Säle, dazwischen liegen große Höfe. Monumentale Tier- und Geniengestalten sollen den Herrscher bewachen; zwischen Tier und Mensch stehen Skulpturen von mächtigen geflügelten, fünfbeinigen Stieren mit menschlichen Gesichtern, mit wallenden Bärten und vornehmen Tiaras. Trotz aller Genauigkeit und Realistik bleiben, bis auf die Jagdszenen, alle Bewegungen feierlich, gemessen, stilisiert. Neu ist die reiche Ausschmückung der Paläste mit Glastäfelchen. Die Säle sind bedeckt mit Flachreliefs die den ruhmvollen König preisen. Neueste archäologische Funde haben gezeigt, dass die Paläste auch mit reichen Malereien von außergewöhnlicher Gelöstheit und Lebendigkeit ausgeschmückt waren. Die Herrschaft der Assyrer brach zusammen, als sich nach dem Tode Assurbanipals Meder und Chaldäer mit Babylon verbündeten.


Die NeobabyIonier
Die folgende neobabylonische Hegemonie dauerte weniger als ein Jahrhundert. Die Herrscher wollten Friedenskönige sein und ihre Regierungszeit durch großartige Bauten verherrlichen. Babylon wurde eine prächtige, märchenhafte Stadt, auf beiden Seiten des Euphrat gelegen und von zwei Mauergürteln umschlossen. Ihr Schmuck war der mächtige Königspalast. Eine heilige Prozessionsstraße durchzog Babylon vom Ischtartor aus, welches im Pergamonmuseum in Berlin zu besichtigen ist, und führte zum Heiligtum des Gottes Marduk, einem schlanken Zikkurat mit sechs Stockwerken, etwa 100 m hoch, auf dessen Spitze der blaue Tempel stand. Auf den Terrassen der Paläste befanden sich die berühmten hängenden Gärten, die die Griechen zu den sieben Weltwundern zählten. Neu und charakteristisch für das neue Babylon sind die Mauern aus glasierten Ziegeln. Auf blauem oder grünem Hintergrund erscheinen so in hellen warmen Farben Zierfiguren von symbolischen Tieren: Stiere, Löwen, Drachen, die viele Meter lange Friese an den Mauern bildeten. So begleiteten den Babylonier in der Prozessionsstraße zum Tempel seines Gottes zwei lange Reihen feierlich schreitender Löwen. Die Geradlinigkeit der Wände war durch Vorsprünge belebt. Sobald der Gläubige die Prozessionsstraße betrat, wurde sein Blick von den hohen, zinnenbesetzten Mauern umschlossen: er ließ die Welt hinter sich zurück und wurde innerlich auf den Besuch des Tempels eingestimmt. Das gewaltige Tempeltor empfing ihn dann mit Tierdarstellungen, die übereinander angeordnet waren.


Die Perser
Im Jahre 539 v. Chr. wird auch Babylon vernichtet durch den Eingriff einer neuen, im Aufsteigen begriffenen Macht, dem Persischen Reich das die letzte Periode der selbständigen mesopotamischen Kultur bestimmt. Es dehnt sich in zwei Jahrhunderten so weit aus, dass es zu der größten Macht Westasiens wird, die sich von der iranischen Hochebene über ganz Mesopotamien, von den Ufern des Indus bis zu den Küsten des Mittelmeers erstreckt und die Grenzen Ägyptens bedroht. Nur das griechische Mutterland kann sich gegen den Eroberungswillen der Perser behaupten und verhindert das Vordringen nach Europa. Die Städte bekommen ihre Prägung durch die Pracht und Größe der Königspaläste, die aus Stein gebaut und prächtig ausgeschmückt sind. Sie erheben sich auf einem hohen, künstlichen Unterbau, auf dem weltliche und religiöse Feierlichkeiten stattfinden. Säulengänge durchziehen den Palast, und in der "Apanadas", einer großen gedeckten Säulenhalle, steht der Thron des Königs. Neben Säulen und palmenförmigen Ornamenten finden wir auf sehr hohen schlanken Säulen Kapitelle mit kauernden Stieren, die eine Weiterentwicklung assyrischer Kunst sind, genauso wie die geflügelten Stiere mit Menschengesichtern, die als Wache vor den Palästen stehen.
Den bedeutendsten und eigensten Beitrag lieferten die Perser in der Goldschmiedekunst, die alles Bisherige auf diesem Gebiet übertraf.
Das große Unternehmen der Könige Darius und Xerxes, Griechenland zu erobern, scheiterte durch die Niederlagen in der Seeschlacht von Salamis (480 v. Chr.) und in der Schlacht bei Platää (479 v. Chr.). Bei dieser geschichtlichen Begegnung behauptet sich das Abendland. Nach eineinhalb Jahrhunderten vernichtet Alexander d. Gr. 331 v. Chr. das Persische Reich. Diese Eroberung bedeutet das Ende der mesopotamischen Kunst, die dem Einfluss der abendländischen Kunst, erst der der Griechen und dann der der Römer, erliegt.


Die Hethiter
Im Norden, im mittleren Teile Anatoliens siedelten sich um das Jahr 2000 v. Chr. die Hethiter an, ein indogermanisches Volk mit asiatischem Einschlag. Die Hauptstadt Hattuscha (heute Bogazköy) und andere hethitische Zentren zeigen eine große Steinarchitektur: mächtige Mauem mit Toren und große Königspaläste mit Holzsäulen, auch Tempel und Heiligtümer. Die Baukunst beweist ein hohes technisches Können.


Die Phönizier
An der Ostküste des Mittelmeeres entsteht die Kultur der Phönizier, die sich über eine weite Zeitspanne, von etwa 2800 bis 550 v. Chr., erstreckt. Die Phönizier siedeln in einem Durchgangsgebiet, in dem sich verschiedene ethnische und künstlerische Einflüsse durchdringen. Frühzeitig entwickeln sich die charakteristischen Eigenschaften der Phönizier als Seefahrer. Als Handelsvolk kommen sie mit vielen anderen Völkern zusammen, die von den Phöniziern die leicht zu gebrauchende Schrift mit 22 Konsonantenzeichen übernehmen. Alle semitischen Schriften entwickeln sich aus ihr, und durch die Vermittlung der Griechen alle übrigen europäischen Schriften. Schon in der frühesten Zeit wird Ugarit, das heutige Ras Schamra, als Hafen Sitz einer lebhaften Kultur, die im 15. und 14. Jh. blühte.




Ägyptische Antike

Wie bei den anderen frühen Hochkulturen der Menschheit hat auch von den Wohnstätten des alten Ägypten kaum etwas die Zeiten überdauert. Geblieben sind vom Alten Reich nur die zu Kultzwecken dienen Grabmäler.
Die Existenz Ägypten war abhängig vom Nil. Seine Jahr für Jahr wiederkehrende Überschwemmungen hinterließen eine Schicht aus fruchtbarem Schlamm, wirkten also nicht verheerend, sondern lebensspendend. Von diesem stehenden Kreislauf wurde das Weltbild der Menschen, die an dem ruhigen Strom lebten, bestimmt: Der Tod galt als Übergang in eine andere Lebensform, die man jedoch nur für möglich hielt, wenn der Körper unversehrt blieb.
Pharaonen wurden zur damaligen Zeit als Gott betrachteten König angesehen: Nach deren Tod entfernte man ihnen Gehirn und Eingeweide (es entstand die so genannte Mumie) und erhielt sie dadurch für die Ewigkeit.
Die Königsgräber wurden zu Monumenten. Das liegt aber auch an dem Bestreben zu religiöser Symbolik begründet: Die Stufenpyramide zeigt eine versinnbildlichte Treppe, auf der der Tote Pharao in den Himmel steigt.
Im Laufe des 3.Jh. v.Chr. begann man, die Könige als Söhne des Sonnengottes Re anzusehen, die Sonnenreligion wurde Staatsreligion. Die Pyramiden - nun mit quadratischen Grundriss und glatten Außenwänden, wie jene von Giseh - waren zu leuchtenden Pfeilen geworden, mit einer schimmernden Kalksteinschicht überzogen mit einer goldenen Spitze (beides überdauerte die Zeiten nicht): Symbole der gebündelten Sonnenstrahlen, auf den der Pharao dem Glauben nach zu Re empor fuhr.

Räume, deren Deckenlast zu groß waren, als dass die Wände sie allein hätten tragen können, wurden zu Beginn des Alten Reiches mit einfachen Vierkantpfeilern ohne Basis und Kapitell abgestützt. Während der sog. Pyramidenzeit in der 2. Hälfte des 3.Jahrtausends v.Chr. begann man jedoch damit, statt dieser, Säulen zu verwenden, die Lotus, Papyrus oder Palmen nachempfunden waren. Diese Formge-bung, die nicht konstruktive, sondern kultische Gründe und Majestät und Ewigkeit repräsentieren sollte, sollte typisch werden für die Bauten des Antiken Ägyptens.




Klassisches Griechenland und Hellenismus

In enger Verbindung mit Ägypten stehend, entstand um 2000 v.Chr. auf der anderen Seite des Mittelmeeres die kretische Kultur. Die wenigen Reste einer einst blühenden Kultur machen im übrigen besonders deutlich, dass wir uns ohne die Erkenntnis der Archäologie und einer Menge eigener Vorstellungskraft kaum ein Bild von der Baukunst vergangener Epochen machen könnten, denn kein antikes Bauwerk ist vollständig und im Originalzustand erhalten. Dies gilt ebenso für die seit etwa 1600 v.Chr. auf dem griechischen Festland entwickelte mykenische Kultur, deren wichtigsten Bauten die Burgen in Mykene und Tiryns waren. Den Zugang zur Burg von Mykene ziert eine der ältesten Monumentalplastik (etwa 1250 v.Chr.) auf europäischen Boden. Auf dem gewaltigen Entlastungsdreieck über dem Türsturz flankieren zwei aufgerichtete Tierleiber symmetrisch eine sich nach unten verjüngende Säule. Sie künden heraldisch von der kriegerischen Macht der mykenischen Adligen.
Ab etwa 1200 v.Chr. eroberten die Dorer die Inseln der Ägäis (Peleponnes) sowie die Westküste Kleinasiens, der heutigen Türkei und fügten ihrer eigenen Kultur kretische und mykenische Elemente bei.
Dies wurde besonders deutlich, als sich um 800 v.Chr. eine gesamtgriechische Nationalidentität mit gemeinsamen Mythen, Kulturen, Festspielen (Olympia) und einheitlicher Architektur zu bilden begann. Ihr wichtigster Bautypus war neben dem ebenfalls als Weihestätte dienenden Theater der Tempel. Wie die Ägypter im Neuen Reich verstanden die Griechen ihn als Wohnhaus eines Gottes, dessen Statue im nur mit Priestern zugänglichen Inneren (Cella) aufgestellt war.
Die ersten Tempel waren mit Holzpfosten und Lehmziegel gebaut. Das überkragende Dach konnte der Witterung nicht trotzen und man ersetzte sie durch neue Steinsäulen mit Quadern. Damit wurde der Steinbau wiedergeboren, den es seit der mykenischen Zeit nicht mehr gegeben hatte.
Offenkundig nahm man auch stilistische Anleihen bei dieser Kultur. So könnte beispielsweise die dorische Säule und insbesondere ihr Kapitell von der Abbildung des Löwenreliefs der Burg von Mykene beeinflusst worden sein. Allerdings verjüngen die Dorer ihre Säule nicht wie die dort gezeigte nach unten, sondern nach oben wie die Ägypter, mit denen spätestens seit dem 7.Jh. v.Chr. Kontakte bestanden.

Die Technik des Steinbaus musste dennoch völlig neu gelernt werden. In Ägypten wie in anderen Hochkulturen war die Baukunst Geheimwissen gewesen. Die Verbreiterung eines einheitlichen griechischen Tempelstils über den gesamten Mittelmeerraum resultierte aus einer Konstruktionsweise, die nachvollziehbare mathematische Gesetzmäßigkeiten folgte.
Die Proportionen der Gotteshäuser waren keine abstrakten Größen, sondern dem menschlichen Körper abgewonnene Erfahrungswerte. Auf ihn bezogen sich die Elemente des dorischen Tempels, und zwar sowohl die der einzelnen Form als auch die der Einzelelemente zum Ganzen. Die so erreichte Harmonie und Klarheit gilt bis heute als vollendet und vorbildlich.
Am berühmtesten war schon in der Antike die Akropolis von Athen mit ihren beiden Haupttempeln Partheon und Erechtheion. Sie stellte einen Höhe-, aber in gewisser Weise auch den Endpunkt der klassischen griechischen Bauweise dar.
Im Laufe der Zeit änderten sich die Formen der Säulen und insbesondere die der Kapitelle. Im Apollontempel von Bassae steht die älteste bekannte korinthische Säule. Ihr allseitig mit stilisierten Akanthusblättern geschmücktes Kapitell verschleiert die Funktion des Tragens vollständig. Ansonsten sind in diesem Tempel vor allem ionische Säulen zu sehen.
Mehr und mehr setzt sich die ionische Ordnung die in der Ägäis und in Kleinasien entstanden war, durch. Schon die dorischen Säulen waren mit der Zeit immer höher und schlanker geworden, bei den ionischen, die von Anfang an eine grazilere Gestalt besaßen, schritt dieser Prozess fort. Die feinere Kanellierung mit den Zwischenstegen, die Aufteilung des Architravs in drei horizontale Streifen, die Einrollung (Voluten) an den Kapitelle, die nicht wie in der dorischen Ordnung hart auf den Architrav stießen, sondern diese durch ihre Kissenform fast schweben ließen - alles war im ionischen Stil eleganter, dekorativer und repräsentativer.
Nach den Peleponnesischen Kriegen (431-404 v.Chr.) geriet das klassische Griechenland in eine wirtschaftliche und politische Krise. Aus seinem Königreich im Norden Griechenlands kommend überrollte Philipp II. das Land; sein Sohn Alexander übertraf noch dessen Pläne zur Einigung aller Griechen und der Eroberung Kleinasiens und schuf ein Reich, das bis an die Grenzen Indiens reichte. Das Imperium brachte den Griechen Wohlstand und eine kulturelle Vorherrschaft über den gesamten Orient. So wurde auch die griechische Baukunst verbreitet - oder das, was von ihr übriggeblieben war.
Die Vorliebe für überhöhte Effekte und pompöse Treppen griff immer weiter um sich. Die Verbindung der früher streng getrennten Elemente Säule und Wand zu Halbsäulen, die aus den Mauern herauswachsen, wurden zur typischen Fassadengliederung im Hellenismus.
Die immer mehr inszenierte Architektur sollte für Überwältigung sorgen. Doch wenn auch Übersteigerung und Pomp unleugbare Zeichen für den Niedergang und Verfall der einst blühenden Kultur waren, so ist die Vollkommenheit griechischer Baukunst bis heute Bestandteil der Architektur, wie mehrere "Wiedergeburten" zeigen.

Griechischer Tempel
Die einfachste Form ist der aus dem Megaron entwickelte Antentempel. Er besteht aus einer Cella, die das Kultbild birgt und nur von den Priestern betreten werden durfte. Die Längsmauern der Cella sind an einer Front vorgezogen und besitzen Anten (Seitenmauern), zwei eingestellte Säulen vor der Front ermöglichen einen Vorraum. Wird der Vorraum an der Rückwand des Tempels wiederholt, handelt es sich um einen Doppelantentempel. Der Prostyl- Tempel unterscheidet sich vom Antentempel durch eine viersäulige Tempelfront. Wiederholt sich die Säulenreihe an der Rückseite, spricht man von einem Amphiprostylos. Die Cella, Pronaos und Opisthodomos vollständig umlaufende Säulenreihe kommt kurz vor der Mitte des 7. Jh. auf und wird Peripteros genannt. Auf dem griechischen Festland sind die Tempel in der dorische Ordnung errichtet. Eine Sonderform ist der Dipteros, der einen doppelten Säulenkranz aufweist. Der Pseudodipteros verzichtet auf die innere Säulenreihe.


Griechische Theater
Das Grechische Theater ist eine religiöse Stätte. Aus der Vereinigung von Kult und Spiel erwuchsen die literarischen Gattungen des Dramas, der Tragödie und der Komödie. Die Idealform des Theaters erreichten die Griechen durch Konzentration auf die Hauptform und durch Geometrisierung. Das Zentrum bildet die kreisrunde Orchestra (Tanzplatz), hinter der sich die Skene (der Bühnenraum) anschließt. Auf der Gegenseite schmiegt sich die in Stufen ansteigende Zuschauertribüne im Halbrund an. Das Theater nimmt in der griechischen Architektur mit seiner Autonomie gegenüber der Natur eine Gegenposition zum Tempel ein, der das Organische der Natur in eine abstrakte Sprache umgesetzt hat.




Römische Antike

Schon früh war Rom unter den Einfluss der griechischen Kultur geraten. Die einst vermutlich aus Kleinasien nach Norditalien eingewanderten Etrusker hatten die Hügelsiedlungen am Tiber überhaupt erst zu einem Gemeinwesen verbunden und ihm seinen Namen - Rom - gegeben.
Das ingenieur-technische Können der Etrusker im Straßen-, Brücken- und Tunnelbau vervollkommneten die Römer, die die Etrusker im 3.Jh. v.Chr. besiegten. Ebenso verbesserte man die Fähigkeiten im Bogen- und Gewölbebau. Die Elemente der klassisch-griechischen Architektur sanken hingegen endgültig zu reiner Dekoration herab.
Nicht zufällig wurde das schon im Hellenismus sehr beliebte korinthische Kapitell in Rom bevorzugt verwendet. Um es noch prachtvoller zu machen, erweiterte man es zum Kompositkapitell, bei dem über dem Akanthusblattkranz reich verzierte Voluten prangen. Typisch wurde auch das rechtwinklig vorspringende, verkröpfte Gesimse über funktionslosen, vor die Fassade gestellten Säulen.
In der Stadtplanung orientierte man sich ebenfalls an den regelmäßigen Straßenrastern der etruskischen Städte und griechischen Kolonien im Süden der italienischen Halbinsel, ergänzte dieses System jedoch durch eine Nord-Süd- sowie eine Ost-West-Achse.
Beim Studium der städtebaulichen Entwicklung historischer Städte erweist sich der Stadtgrundriss als der konstanteste Faktor, in jedem Fall dauerhafter als die auf ihm errichtete Bebauung. Er überstand Brandkatastrophen, Kriegszerstörungen, ja sogar so lange Zeiten der Siedlungsunterbrechungen, wie sie während der Völkerwanderung vorkamen. Der Grundriss römischer Militärlager und Siedlungen prägt deshalb heute noch viele Städte in Europa, nicht nur in Italien selbst, sondern in allen römischen Kolonien.
Der Städtebau zeigte sich zudem in prächtigen Theatern, Stadien und Thermen sowie im Villenbau, der dem Privatbereich mit Gärten, aufwendigen Terassenanlagen, Säulenhallen und Vorbauten, die teilweise bis ins Meer reichten, einen wichtigen Rang einräumte.
Für Rom war Architektur Ausdruck von Herrschaft. Die Herrschaft der Römer gründete sich zu einem wesentlichen Teil auf ihre Ingenieurleistungen. Ihre Straßen und Bauten für die Wasserwirtschaft sind zugleich eine Demonstration der Macht ihrer Verwaltungsorganisation und ihrer technischen Kenntnisse.
Überall ließ die Regierung öffentliche Gebäude von der Armee errichten, auf natürliche Werkstoffe hatte sie ein Monopol, Ziegel wurden in eigenen Brennereien hergestellt.
Symptomatisch scheint es da, dass der Bogen das prägende Element der römischen Architektur war. Bogenreihen wirken bewegt und dynamisch; die Bögen streben in die Höhe, doch kehren sie immer wieder zur Erde zurück, um dort den Beginn eines neuen Bogens zu bilden um sich so über beliebige Distanz fortpflanzen.
Zu dem Expansionsdrang des römischen Reiches gehörte der Bau weit verzweigter Fernstraßen, die sich über ganz Europa bis ins nördliche Afrika erstreckten. Mit seinen zum Teil auf Aquädukten geführten Wasserleitungen stießen die Römer tief in die Landschaft hinein, um über weite Distanzen Quellwasser in die Städte zu leiten.
Indem sie ihre Technik des Gewölbe- und Kuppelbau auf immer größere Dimensionen anwandten, gelang es den Römern, riesige Räume ohne Zwischenstützen zu schaffen, wozu ihre Version eines heute allgegenwärtigen Baustoffes behilflich war: Beton, den sie aus Kalk, Bruchsteinen, Wasser und der vulkanischen Erde aus dem nahen Puzzuoli bildeten, in Formen gegossen, härteten und dann so verbauten.
Aus ihm besteht beispielsweise die Kuppel des Pantheon in Rom (118-125 n.Chr.), die von außen aus konstruktiven Gründen kaum als solche zu erkennen ist. Als erster großer Kultraum war dieser Zentralbau ganz nach innen gerichtet.
Der Innenraum dieses allen Göttern geweihten Gebäudes auf dem Marsfeld in Rom verdankt seine beeindruckende Schlichtheit der gleichen Größe von Durchmesser und Höhe. Die Belichtung erfolgt durch eine einzige kreisrunde Öffnung im Scheitel der kassettierten Kuppel, die eine exakte Halbkugel von 43,30 m Durchmesser bildet. Die Wände des Ziegelbaus sind mit dünnen Marmorplatten inkrustiert. Um die Kuppel leichter zu machen, sind dem Gussmörtel vulkanische Gesteine beigegeben. Die Lasten werden durch ein im Mauerwerk verborgenes System von Entlastungsbögen und Gewölben abgeleitet. Ursprünglich wirkte das auf allen Seiten eingebaute Pantheon mit seiner Giebelfassade wie ein gewöhnlicher Tempel. Pantheoi waren schon im Hellenismus zugleich Tempel des Herrschers, der sich mit den Göttern als Gleicher unter Gleichen darstellen ließ. Mit diesem Bauwerk ersetzte Kaiser Hadrian einen Bau aus der Zeit des Augustus und zeigte so seine programmatische Verbundenheit mit dem Begründer des Kaisertums.
Riesige Dimensionen und Prachtentfaltung kennzeichneten in den folgenden Jahrhunderten die römische Baukunst. Das 3.Jh. brachte äußere Bedrohung, desolate Staatsfinanzen und die innere Auflösung des Reiches, das von rasch wechselnden, teilweise miteinander konkurrierenden Kaisern beherrscht wurde.

Römischer Tempel
Im römischen Sakralbau vermischen sich etruskische und griechische Einflüsse. Jedes etruskische Heiligtum stellte ein Templum in der ursprünglichen Wortbedeutung dar, nämlich eine abgegrenzte heilige Fläche mit einem Achsenkreuz nach Süden oder Osten. Die Etrusker bevorzugten ein bestimmtes Grundschema für die Tempelarchitektur, das die römischen Heiligtümer übernehmen. Das Vorbild der etruskischen Tempel bildete wahrscheinlich das ägyptische Megaron. Seine Aufteilung in Hauptraum und Vorhalle erweist sich ebenso beständig wie die Holzarchiitektur. Der etruskische wie der römische Tempel erhebt sich auf einem hohen Podium, zu dem eine Treppe hinaufführt.
Im Gegensatz zu den griechischen Tempeln besitzt der römische Tempel nur einen Eingang. Die Cella bildete an den Wänden Nischen aus. Die Nische inder Mitte der Rückwand war für das Kultbild vorgesehen und erhielt die Bezeichnung "Apsis". Vor der Cella, deren Außenseiten meist durch Hälbsäulen gegliedert sind, liegt eine tiefe, offene, mit Säulen gegliederte Vorhalle. Rie Römer bervorzugten meist die korinthische Säulenordnung.


Römische Theater
Die ersten Theaterbauten in Rom bestehen aus hölzenen Bühnenpodesten. Im 1.Jh. wird in Campanien der Steinbau üblich. 55-52 c. Chr. lässt Pompejus auf dem Marsfeld ein steinernes Theater nach griechischen Vorbild (Mytilene) errichten. Diesen Prototyp in Rom folgt unter Kaiser Augustus das Marcellus-Theater. Es übernimmt alle Elemente des griechischen Theaters, ohne das es in einen Naturraum eingefügt ist. Statt dessen erscheint es als selbstständiger Baukörper. Zuschauerraum (cavea) und Spielfläche (orchestra) sowie Bühnenhaus (scena) erhalten eine neue geometrische Grundordnung. Die Cavea umschließt als konzentrischer Halbkreis, wie Vitruv überliefert, die zum Halbkreis reduzierte Orchestra. Sie ist keine Spielfläche mehr, sondern nimmt die privilegierten Sitze für den Magistrat auf. Als Bühne dient das erhöhte Proscenium, das von der Schaufassade der Scena, des Bühnenhauses, hinterfangen wird. Die Wand der Scena öffnet sich in fünf Türen gegenüber den fünf Treppen der Cavea. Konstruiert wurde dieser Aufbau aus dem Achsenkreuz.




Frühes Christentum / Byzantinismus

Die vor allem bei den Armen und vom Staat bekämpfe Religion des Christentums bot jene mystische Kraft, die im Reich fehlte, und war aufgrund ihrer hierarchischen Verfassung dennoch durchschaubar. In den Streit der konkurrierenden Kaiser setzte sich Kaiser Konstantin I. 312 n.Chr. durch und versöhnte sich mit dem zuvor bekämpften Christentum.
391 erklärte Kaiser Theodesius das Christentum zur Staatsreligion. Die alten Tempel waren nur Priestern zugänglich gewesen, den Göttern huldigte man davor; die Christen benötigten dagegen geräumige Versammlungsräume für ihre Gemeinden. Auf der Grundlage bestehender Architekturformen entwickelte das frühe Christentum eine große Vielfalt architektonischer Typen und Lösungen: Kaisermausoleen dienten als Vorbild für Martyrerheiligtümer, Thermen für Taufkirchen, die ursprüngliche profane Basilika - Markt-, Gerichts- und Versammlungshalle - wurde zur christlichen Basilika, zur Kirche.
Die architektonische Forderung an die Vorbilder waren die Notwendigkeit einer eindeutlichen Ausrichtung des Kirchenschiffes auf Altar und Bischofssitz: Der Gedanke eines Richtungsbaus entstand. Die frühchristliche Basilika erhält zudem am Ostende des Langhauses ein Querschiff (das als noch nicht - wie später in der Romanik - zu einem Kreuzgrundriss führt).
In der Frühzeit des Christentums als Herrschaftsreligion wurden bestehende Tempel häufig umgewidmet, auch verwendete man alte Fundamente oder teils gar nicht zueinanderpassende Säulen für neue Kirchen: Die alten Bauteile dürften nun einen neuen Gott dienen.
Die ersten Basiliken gaben sich schlicht. Wo einst in deren Apsis die baldachinbedeckte Tribüne des Kaisers gestanden hatte, befand sich nun der Altar.
Wegen der Wirren der Völkerwanderungszeit konnte Italien mit der Westhälfte des 395 geteilten Reiches keine prägende Rolle mehr übernehmen. Das Zentrum der Macht und damit der architektonischen Entwicklung verlagerte sich nach Osten, wo Konstantin 330 die kleine Stadt Byzanz zur zweiten Hauptstadt Konstantinopels (seit 1930 die heutige Stadt Istanbul) gemacht hatte, die zur Metropole des Oströmischen bzw. Byzantinischen Reiches wurde. Das Vorbild, das die römischen Rundtempel - allen voran das Pantheon - gegeben hatten, wurden hier fortgeführt und perfektioniert.
Die wichtigsten Kuppelbauten jener Epoche sind San Vitale (ein oktogaler Zentralbau des oströmischen Kaisers Justinian, gilt als Vorbild für die Pfalzkapelle Karls des Großen in Aachen) in Ravenna, wo Byzanz Statthalter in Italien saß, und die Hagia Sophia in Konstantinopel. Statt Masse und Macht wie das "alte" Rom zeigten sie Leichtigkeit und Eleganz. Immer mehr Gewölbe und Kuppeln wurden aufeinandergetürmt - auch aus konstruktiven Gründen: Die seitlichen Umgänge und Halbkugeln dienten als Widerlager für den Schub der Halbkugel, die wie jeder Bogenbau die stützenden Pfeiler oder Wände nach außen drückt. Die Kuppeln des "zweiten Rom" Konstantinopel symbolisierten Kosmos und Himmel und schufen mit dem Zentralbau ein architektonisches Vorbild, das in den christlichen Ostkirchen teilweise bis heute verbindlich ist.




Romanik - Burgen für Gott und seine Kaiser

In der Folge der Völkerwanderung war das innerlich längs marode (West-)Römische Reich zusammengebrochen. Der Verlust dieser Ordnungsmacht leitete in weiten Teilen Europas eine Epoche großer Unsicherheit ein. Die einstmals römischen Gebiete waren unter vielen Herrschern aufgeteilt, die ihre Macht oft nur für relativ kurze Zeit bewahren konnten.
Der Lebensstandard ging stark zurück, die Entwicklung der Städte stagnierte. All dies wirkte sich unmittelbar auf die Kultur, insbesondere auf die Bautätigkeit aus.
Einzig die Macht der Kirche war nicht auf wenige Jahrzehnte und ein relativ kleines Gebiet beschränkt - sie konnte ihren Einflussbereich nun sogar auf ganz Europa ausdehnen.
In ihrem Schoß wurde das Erbe der Antike bewahrt und die abendländische Kultur entwickelt.
Eine Rolle spielten dabei insbesondere die Klöster der 529 gegründeten Benedikter, des ersten abendländischen Mönchsordens. Oft in wenig zivilisierten Gegenden gelegen, wirkten sie als kulturelle Vorposten. Zur Sicherung ihrer ökonomischen Basis besaßen die Klöster Ländereien und allein damit schon Macht.
Im Laufe des 8.Jh. entstand mit dem fränkischen Reich wieder ein mächtiges Staatsgebilde. Kirche und Staatsimperium bildeten ein Bündnis, welche Karl der Große weit ausbaute und 800 vom Papst in Rom zum Kaiser gekrönt wurde.
Das Bestreben, an das antike Römische Reich anzuknüpfen, das mit der Wiederbegründung des abendländischen Kaisertums überdeutlich wurde, äußerte sich auch in der Bautätigkeit.
Seit dem Untergang Westroms gab es außer den Bauten des Byzantinischen Reiches, z.B. Ravenna, keine nennenswerte Bautätigkeit, die Großes, Dauerhaftes und Prachtvolles herausbrachte.
Karl der Große wendete sich wieder dem monumentalen Steinbau zu. Auf Grund des Bündnisses zwischen Klerus und Krone beschränkte sich dieser fast völlig auf Kirche und Klöster. Inhaltlich bedeutete der Pakt für die Kirche eine "Verweltlichung". Die Kirche begann sich mehr mit der christlichen Ausgestaltung des Diesseits zu befassen.
Architektonisch drückte sich dies etwa in der Doppelchorigkeit der Gotteshäuser aus; der traditionellen Ostausrichtung der Gotteshäuser folgend, befand sich alles "Weltliche" im Westen, alles "Sakrale" im Osten. Die Doppelchorigkeit, zu der sich auch eine zweites Querhaus und ein zweiter Vierungsturm im Westen gesellten, wurden zum Zeichen für weltliche Machtansprüche.
Zur Verdeutlichung seiner Macht erweiterte Karl der Große um 800 seinen Palast in Aachen mit der Pfalzkapelle, die nach dem Vorbild von San Vitale in Ravenna errichtet wurde. Beide stimmten in gestalterischen Detail recht wenig überein; wesentlich waren Geist und Grundform des Bauwerkes. Als Zentralbau mit Emporen wurde die Aachener Pfalzkapelle ihrerseits zum Vorbild für Schlosskapellen bis ins 18. Jh. hinein.
Grundmodul der romanischen Kirchen wurde die Vierung, über der beim damaligen Stand der Bautechnik nur ein Turm auf vier gleichen Bögen - also mit quadratischem Querschnitt - errichtet werden konnte. So entstanden klare, fast symmetrische Anlagen mit Langhäusern, die symbolträchtig eingespannt waren zwischen der östlichen Baugruppe, die dem himmlischen Herrn, und der - teils nahezu identischen - westlichen, die dem weltliche Herrn, diente.
Geschlossen, fest, wuchtig, streng - diese Begriffe können generell zumindest für die frühe Architektur der Romanik gelten, die sich mit den Karolingern über West- und Mitteleuropa verbreitete.

Der erst im 19. Jh. geprägte Begriff Romanik ist nicht ganz exakt und auch irreführend. Schon ein flüchtiger Blick zeigt, dass das romanische Bauen nur wenig mit der römischen Antike zu tun hat. In Deutschland des späten 19. Jh. versuchte man vornehmlich aus nationalistischen Gründen, aber auch nicht ganz zu unrecht den Begriff "Romanik" durch "Germanik" zu ersetzen.
Der romanische Stil wirkt größtenteils noch wie eine Reaktion auf die Zeit der Wirren und des Verfalls; in seiner Kargheit und Vergröberung scheinen sich der Verlust von Wohlstand und Wissen wiederzuspiegeln. Die Kirchen und Klöster scheinen wie Festungen mit dicken, schweren Mauern. Dieser mächtige, erdverbundene Eindruck wird hervorgerufen durch die Betonung der Waagerechten mit Rundbogenfriesen, Dreieckgiebeln, Gesimsen, Blendbogen oder ganzer Blendarkaden, durch die weitgehende Reduzierung der Fenster und des meist recht flachen Dekors sowie den Verzicht auf Putz.
Das im römischen Reich bevorzugte korinthische Kapitell war mit so vielem prunkvollem Zierrat versehen, dass seine tragende Funktion fast ganz verschleiert wurde. Das romanische Würfelkapitell - eine Verschmelzung von Kugel und Würfel, die optisch zwischen dem runden Schaft und der quadratischen Deckplatte vermittelt - zeigt dagegen klar und deutlich, in fast ungeschlachter Form, dass es den Treffpunkt von Stütze (der Säule) und Last (des Gewölbes) bildet. Seine Seiten bleiben anfangs nackt.
Kaiserdome wie jene in Worms und Speyer bildeten den Höhepunkt der Romanik; in den wachsenden Konflikten zwischen Kaiser und Papst um die Vorherrschaft manifestierten sie den Anspruch des Monarchen, dass die Kirche weiterhin eine einende Rolle in diesem nun "römisch" genannten, doch deutsch beherrschten Reiches zu spielen haben.
So wurde der romanische Baustil zum Ende des 11.Jh. hin immer verfeinerter und damit aussagekräftiger, wozu auch die wachsende Beherrschung der Bautechnik beitrug. Waren die meisten Kirchen bis dahin flach mit Holzdecken überspannt - die in der Regel irgendwann niederbrannten, weil das Kircheninnere mit Kerzen und Fackeln erhellt wurde -, ersetzte man sie nun durch Gewölbe aus Stein.
Gewölbe besitzen starke seitliche Schubkräfte, die massive Außenwände erfordern. Für die Einwölbung der Mittelschiffe wurden die Säulen im Langhaus durch prächtige Pfeiler ersetzt, denen weitere Säulen (den sogenannten Diensten) vorgelagert waren, auf denen die das Gewölbe stützenden Gurtbogen ruhten. Die einfachste Form des Gewölbebaus - Kreuzgewölbe über quadratischen Feldern - war durch das sogenannte gebundene System zu realisieren; ein von den Vierungsbögen ausgehender quadratischer Grundrissmodul, aus dem jede romanische Basilika aufgebaut ist. Da jedes Seitenschiff für gewöhnlich halb so breit war wie das Mittelschiff, kamen auf ein großes Quadrat in der Mitte immer zwei kleine an jeder Seite. Somit bot sich auch ein konstruktiver Anlass zum zuvor praktizierten Stützenwechsel: da jeder zweite Pfeiler neben den Seiten- auch die Mittelgewölbe tragen musste, wurde er stärker ausgebildet.
Gegen Ende der Romanik hin wurden anstelle der Grate der Kreuzgewölbe Rippen gespannt, erst massiv, mit halbrunden Querschnitten, dann in zahlreichen Kehlen gegliedert. Sie trugen die Last und führten sie in die Pfeiler ab, wodurch leichtere Konstruktionen möglich wurden.
Die kirchlichen Orden waren erbitterte Gegner der Verweltlichung und den damit verbundenen Bauten. Der katholische Mönchsorden der Benedikter zum Beispiel näherte sich in seinen Kirchenbauten wieder der einfachen, frühchristlichen Basilika an.
Den radikalsten Bruch mit dieser Architektur vollzogen die Zisterzienser, die sich in einem heftigen Richtungsstreit 1098 von den Benediktinern abspalteten und rasch über ganz Europa verbreiteten. Ihr Bekenntnis zur reinen, weltabgewandten Religiosität drückte sich nicht nur in einem Leben in Armut und Askese aus, sondern auch in entsprechenden Kirchenbauten; ein einfaches Langhaus, das von einem Querhaus abgeschlossen wird, daran ein kleiner rechteckiger Chor. Keinerlei Schmuck, keine farbigen Figurenfenster, die Quader der Wände sorgfältig bearbeitet oder verputzt.
Aufgrund des Unterganges des Weströmischen Reiches lag das politische wie kulturelle Zentrum in Europa während der Romanik nun nördlich der Alpen, obwohl zum Fränkischen (und später dem "römisch"-deutschen) Reich auch Norditalien und Rom, zwischenzeitlich sogar die gesamte Halbinsel gehörten - auch so sollte an das Römische Reich der Antike angeknüpft werden.
Die Romanik erlebte in Deutschland im Vergleich zu allen anderen Ländern ihre höchste Entfaltung.


Romanische Burgen
Romanischen Burgen waren meist von einer Ringmauer (Bering) und Graben umgeben: An gefährdeten Stellen wurde sie durch eine Schildmauer verstärkt. Der Mauerzug wurde durch das mit Bastionen besetzte Tor zusätzlich gesichert. Oft gab es zwischen äußeren und inneren Tor die Anlage des Zwingers. Für Verteidigungszwecke besitzen die Mauern einen Wehrgang. Die Mauern innerhalb des Berings lehnen sich an die Ringmauer an. Nur der Bergfried stand meist frei im Burghof. In französischen Burgen wird es Donjon genannt. Die Wohnräume der Burgen lagen im Palas, der meist sorgfältig aus behauenen Steinen errichtet war. Er hatte mehrere Geschosse und oft umrahmte und unterteilte Fenster. Er war somit neben der Burgkapelle der einzige Bau mit Burgschmuck. Im ersten Geschoss lag der repräsentative Rittersaal, darüber die Kemenate. Die Nutzbauten bestanden meist aus Fachwerk. Wichtig war der Brunnen für die Wasserversorgung.




Gotik - Die Überwindung des Diesseits

Der Übergang von der Romanik zur Gotik ist zeitlich kaum genau einzugrenzen. Da-bei ist der Begriff "Gotik" fragwürdig: Er wurde im 16. Jh. von dem italienischen Maler, Baumeister und Kunstschriftsteller Vasari in abwertender Weise aufgebracht, denn die (West-)Goten hatten dem Römischen Reich den Todessturz versetzt, für Vasari waren sie Barbaren. Und noch im 18. Jh. galt die Gotik mancherorts als Inbegriff des Widersprüchlichen und Geschmacklosen.
Unstrittig ist, dass der Ursprung der Gotik in der Île de France liegt, der Umgebung von Paris.
Das Bauwerk, das bis heute als Inbegriff gotischer Architektur gilt, ist die Kathedrale.
Erstmals erhielten die Rippen der Gewölbe eine tragende Funktion. So wurde nicht nur der Bau einfacher, sondern die gesamte Konstruktion erhielt ein geringeres Gewicht. Zudem besaßen die Spitzbögen, die sich aus den ungleichförmigen Grundrissen der Kathedralen entwickelten, einen schwächeren Seitenschub als die Rundbögen der Tonnengewölbe. Die tragenden runden oder viereckigen Pfeiler wurden mit Diensten umbündelt - Halbsäulen, die sich in den Rippen fortsetzen, um den Gewölbedruck aufzufangen bzw. weiterzuleiten.
Der Chor bestand nicht mehr aus einzelnen, in sich ruhenden Raumteilen, die aneinandergereiht waren, sondern bildete einen großen, einheitlichen Raum. Um seine Geschlossenheit nicht zu stören, wurde die Vierung im Inneren nicht mehr betont, teils auch das Querhaus weggelassen; die Seitenschiffe setzten sich in den Chorum-gängen fort.
Zu der optisch einheitlichen Wirkung des Raumes auf der einen Seite kam andererseits die äußerste Zergliederung seiner Umrisse. Die Rippengewölbe und das System von Strebebögen und -pfeilern erlaubten eine so extreme Reduzierung und Durchlöcherung der Mauermassen wie nie zuvor, denn statisch wurden die Mauern weitgehend überflüssig.
Die Außenwände schloss man mit riesigen Fensterflächen, die allerdings kein helles Tageslicht durchließen. Die Schwierigkeit der Glasproduktion erforderte es vielmehr, sie mit unzähligen kleinen Stücken zu schließen, die von Bleirahmen gehalten wurden (Bleiverglasung). Bemalt oder eingefärbt wurden so riesige Glasbilder in meist kräftigen, aber getragenen Farben geschaffen, die um so mehr leuchteten, als durch sie der Innenraum nur unzulänglich erhellt werden konnte. Dieses so ganz neue, irreale Licht (lux noval) war von außerordentlicher Bedeutung für die Gläubigen, denn Fenster wie Rosetten waren Bildträger theologischer Programme. Die Fenster dienten den Armen, die nicht lesen oder sich keine teure Bibelausgabe leisten konnten dazu, die biblische Botschaft visuell vermittelt zu bekommen.
In diesem Zusammenhang sei auch an die oft vergessenen Farbigkeit mittelalterlicher Architektur erinnert. Gotische Kathedralen waren alle innen prächtig bemalt, so dass ein heute kaum noch nachempfindbares wirkungsvolles Zusammenspiel von Fenstern, Wänden und "Himmel" (der tatsächlich häufig einen Himmel mit Sternen zeigte) entstand.
Die Spitzbögen und Bündelpfeiler waren zwar konstruktiv bedingt, ihre Wirkung als steil nach oben strebende, in den Himmel wachsende Pfeile aber beabsichtigt. Durch diese senkrechte Wandgliederung erscheint der ungewöhnlich hohe Kirchenraum noch höher. An die Stelle romanischer Erdgebundenheit, Wuchtigkeit und Massivität ist die scheinbare Überwindung der Schwere durch Verleugnung der Materie, Auflö-sung der Mauern und Schaffung eines zarten, sich in den Himmel reckenden Gerüstbau getreten.
An dem äußeren Erscheinungsbild einer gotischen Kathedrale fällt vor allem auf, dass die zur Stützung des tragenden Gerüstes notwendigen Massen buchstäblich aus dem Kirchenraum herausgedrängt werden konnten. Um die Seitenschiffe als Wi-derlager zum seitlichen Gewölbeschub nicht allzuhoch aufführen zu müssen, nah-men ihn frei über den Dächern hinwegschwingende, oft mehrgeschossige Strebebö-gen auf, die in zum Boden hin immer stärker werdenden Strebepfeiler mündeten. Die Strebepfeiler wurden mit kleinen Türmchen (Fialen) bekrönt, weitere himmelstre-bende Pfeile. Auch sie zergliederte man nochmals mit dekorativen Mitteln, wie an allen schrägen Stellen stiegen Kriechblumen (Krabben) an ihren Helmen empor, die in dem Himmel entgegenblühenden Kreuzblumen endeten. Generell wurde das De-kor im Laufe der Entwicklung der klassischen Kathedralgotik immer umfangreicher, kleinteiliger und differenzierter und schien das gesamte Gebäude - beziehungsweise die Mauerteile, die noch übrigwaren - zu überwuchern.
Wurden Rosen, Efeu, Disteln Ahorn, Wein- oder Eichenlaub zunächst stilisiert darge-stellt, so ahmte man sie später naturgetreu an den Knospen-, Kelch- oder Blattkapi-tellen der Pfeiler, an Krag- und Schlusssteinen, Gesimsen und Brüstungen nach. Auch Tiere wurden häufig abgebildet, so dass die Kirche zum Sinnbild eines para-diesischen Zusammenlebens aller Wesen wurde.
Bedeutsamer jedoch war die symbolische Ausgestaltung der Portale, die von dachähnlichen Wimpergen bekrönt wurden, denn die symbolische Botschaft begann zu wandeln. Waren in der Romanik noch unheimliche und bedrängende Weltgerichtsängste Schwerpunkt der Darstellungen, so wendet sich das Repertoire gotischer Steinmetzen den Erkenntnissen der Scholastiker entsprechend, einer "Tatsachenbeschreibung" des Göttlichen zu.
Durch eine schon in der Romanik erprobte, trichterförmige Abtreppung der Portalgewände entstand ein optischer Sog nach innen und zusätzlicher Raum für Gewandfiguren und die Gestaltung des Sockelbereiches.
Während Farbigkeit und biblische Motivwahl der Fenster einer tiefen Symbolik unterlagen, blieb ihre Gliederung abstrakten Formen verpflichtet. Profilierte Pfosten, das Stabwerk, unterteilten die Fensterflächen in senkrechte, schmale Öffnungen, die oben in den Spitzbögen endeten. Die Zwickel zwischen diesen Bögen und den Spitzbögen der Fenster wurden mit Maßwerk ausgefüllt.
Im Jahr 1248 wurde in Köln der Grundstein des Kölner Domes gelegt. Allerdings wurde der Bau des Kölner Domes 1560 unvollendet abgebrochen, erst 1842 wieder aufgenommen und 1880 fertig gestellt.
Die Hallenkirchen - ab Mitte des 14.Jh. dominierender Kirchentypus in Deutschland - waren meist keine Kathedralen (Bischofskirchen), sondern Stifts- oder Pfarrkirchen (Hauptgotteshäuser der Städte).
Die in den Städten lebenden Bürger, vor allem die Kaufleute, wandten sich langsam mehr der diesseitigen Welt zu, in der sie ihre Geschäfte tätigten, ihren Wohlstand erwarben und oft über weite Distanzen Handelsbeziehungen unterhielten. Das Jenseits wurde damit nicht nebensächlich, aber im Denken der Menschen verlor es allmählich seine erdrückende Dominanz.
Zunehmend entstanden aber auch aufwendigere Profanbauten, die die Stadt, ihre Bedeutung und Wohlhabenheit repräsentierten: Stadttore, Rat- und Handelshäuser ("Kaufhäuser"), ab dem 14. Jh. auch Wohnhäuser wurden immer häufiger in Stein ausgeführt.
Eine besondere Ausprägung erlangte die Gotik in Norddeutschland. Wie in manchen Gegenden Süddeutschlands war auch hier der Naturstein knapp. Doch anders als dort verkleidete oder verputzte man die stattdessen verwendeten Backsteine nicht, sondern versuchte mit ihnen architektonische Wirkung zu erzielen.
Aus konstruktiven Gründen war mit diesen Materialien keine so starke Durchbrechung der Mauern möglich wie mit Naturstein. Man behalf sich, indem man die Gliederung vereinfachte und abstrahierte, Blendbögen und Blendmaßwerk verwandte und die zurückgesetzten Wandflächen weiß kalkte, womit ein starker Farbkontrast zu den roten oder auch grün, blau oder schwarz glasierten Ziegelflächen und -streben entstand.




Renaissance - Die göttliche Harmonie der Welt

Statt sich nach schneller Überwindung des "elenden" Erdendaseins zu sehnen, wie es für die Epoche der Gotik bestimmend gewesen war, entdeckte man jetzt die Schönheit und die Harmonie der Welt.
Im Laufe des 14. Jh. entstand der Humanismus: Er forderte und förderte, dass die Naturwissenschaften nicht mehr auf kirchliche Glaubensgrundsätze (Dogmen), sondern auf unvoreingenommenen Naturbeobachtungen, Vernunft und verstandgemäßer Erfahrung beruhen sollten. Dies bedeutete das Ende der bisherigen Einheit von Glauben und Wissen, der Bürger trat als Kulturträger neben den Priester, die Universitäten lösten ihre Abhängigkeiten von der Kirche. Damit wurde der lange Prozess der Säkularisierung ("Verweltlichung" des Lebens) eingeleitet, wie in der Renaissance generell die Grundlagen der Ansätze für Entwicklungen geschaffen wurden, die sich oft erst Jahrhunderte später durchsetzen: Rationalismus, Demokratie und Menschenrechte, die moderne Wissenschaft und Technik, das Bankwesen und das auf möglichst großen Gewinn ausgerichtete Wirtschaften wie auch das Verständnis von Bauen als Kunst sind ohne diese Epoche undenkbar. Mit ihr wurde das Mittelalter von der Neuzeit abgelöst.
Als einzige literarische Quelle zur Antiken Architektur dienten den Humanisten die Zehn Bücher der Architektur des römischen Militäringenieurs und Architekten Vitruv, ein um 25 v.Chr. entstandenes Traktat, das erstmals größere Verbreiterung fand. Neben Abhandlungen zur Baugeschichte und zur Gebäudelehre hatte Vitruv ein dezidiertes Berufsbild für den Architekten entworfen, das ein Konzept für dessen Ausbildung mit einschloss. Er hatte sich aber auch mit der Stadtplanung, den verschiedenen Baumaterialien, der Wirkung von Farbe, den ingenieurbaulichen Möglichkeiten sowie der Mechanik auseinandergesetzt.
Vorreiter bei der Entwicklung zur Renaissance war Florenz. Der Baumeister verstand sich nicht mehr - wie im Mittelalter - als anonym, dienender Handwerke, sondern als eigenständig schaffender Künstler, als Individuum.
Individuelle Künstlerschaft erreichte auch die Malerei und die Graphik, wo zu den zuvor fast ausschließlich religiösen Bildern Portraits und andere Darstellungen von einer naturtreue traten, wie man sie bis dahin nicht gekannt hatte.
Erstmals beginnt der Profanbau, eine über die reine Nützlichkeit hinausgehende Aussagekraft zu erhalten.
Die Palazzi der Frührenaissance wirkten in ihrem äußeren Erscheinungsbild geschlossen und wehrhaft, roh und abweisend. Die Gestaltung der Fassaden mit an der Stirnseite rauen, rundlich behauenen Steinquadern (Rustika oder Bossenwerk) unterstreicht dies ebenso wie die Ausstattung des Erdgeschosses mit kleinen Rechteckfenstern, während die darüberliegenden Stockwerke mit gekoppelten Rundbogenfenstern (Zwillingsfenstern) versehen sind; der sie verbindende Bogen wird von kleinen Bossen nachvollzogen und bekrönt. Meist besitzen die Gebäude der, nach oben hin niedriger werdende Geschosse, die Gurtgesimse in Höhe der Fensterbänke voneinander trennen; ein Sockelgesims und ein mächtiges Kranzgesims nach antiken römischem Vorbild vervollständigen die waagerechte Gliederung der rechteckigen, streng symmetrischen Fassade.
Ein bedeutender Architekt der venezianischen Renaissance ist Leon Battista Alberti, der die neue Zeit mit all seinen Veränderungen verkörpert. Architektonisch drückt sich dies z.B. in der Front des Gebäudes aus: Sie ist ganz glatt, die Quaderung nur ein in die Wand geschnittenes Ornament. Außerdem gesellten sich an seinen Bauten zur waagrechten Betonung eine senkrechte Gliederung: Erstmals wurden hier wieder Pilaster, die den antiken Ordnungen entsprechen, verwendet.
In der Renaissance begannen die Künstler und Gelehrten sich auch mit Stadtgestaltung oder den Proportionen des menschlichen Körpers zu befassen, der in der (griechischen) Antike als Grundmaßstab für alle Gestaltungen gedient hatte. So definierte man den Menschen als Zentrum der Welt und setzte diese Gedanken um in einem System zur Erfassung und Darstellung des Raumes - die zentralperspektivische Raumkonstruktion.
Die Wiederentdeckung antiken Wissens spielte auch beim Wiederaufleben des Kuppelbaus eine Rolle. Entscheidend war dabei aber natürlich nicht das Können, sondern auch der Wille zum Bau so großer Kuppeln wie die des Domes von Florenz (1294-1467) von Filippo Brunelleschi, dem zweiten großen venezianischen Baumeisters neben Alberti. Die mächtige Kuppel des florentiner Domes gilt als technische Meisterleistung seiner Zeit. Die Chorerweiterung des von Arnolfo di Cambio im ausgehenden Trecento errichtete Baus konnte erst durch Brunelleschis Kuppelkonstruktion (1418-1436) vollendet werden. Den oktogalen Tambour überwölbte er mit einer Doppelschale: Die innere, stärkere Schale unterstützt dabei die äußere, leichtere. Beide bestehen aus einer Kombination von Steinreihen im Fischgrätverband und offenen Rippen. Das Neuartige lag insbesondere darin, dass eine selbsttragende Konstruktion entstand und kein sogenanntes Lehrgerüst (ein die Kuppel während ihres Baus abstützendes System) errichtet werden musste.
Der Kreis oder das Polygon (Vieleck) wurden als Idealform für Kirchen betrachtet. Die einzige angemessene Bekrönung eines solchen Bauwerkes war eine Kuppel, die zudem traditionell das Universum symbolisierte. Der Altar gehörte dieser Konzeption zufolge in die Mitte der Kirche, die Gemeinde sammelte sich um ihn.
Zentralbauten waren im Christentum bis dahin nur für Tauf-, Grab- und gelegentlich Marienkirchen gebräuchlich gewesen.
Mitte des 15.Jh. wurde der Humanismus zu einer großen Bewegung, begünstigt von der 1453 erfolgten Eroberung Konstantinopels durch die Osmanen, die viele griechische Gelehrten von dort nach Italien fliehen ließ, und der Erfindung des Buchdruckes mit beweglichen Lettern durch Johannes Gutenberg. Sie war die Voraussetzung für die weite und schnelle Verbreitung von Erkenntnissen und Theorien.
In der Hoch- und Spätrenaissance verlagerte sich der Brennpunkt der Architekturentwicklung von Florenz nach Rom. Auch die Baugestaltung änderte sich. Statt sie in gleichmäßigen Abständen zu reihen, wurden die Fenster nun oft zu Gruppen zusammengefaßt, oder auf eine Fensterachse folgend abwechselnd schmalere und breitere Wandstreifen aneinandergereiht. Der daraus entstehenden stärkeren Bewegung entsprach, dass die Fassadendekorationen plastischer wurden. Fenster rahmte man mit Sockeln, Säulen, Pilastern und bekrönte sich mit einer Verdachung in Form von Architraven, Rundbogen oder Dreiecksgiebeln. Portale wurden ähnlich betont oder als Rundbogen mit Schlussstein gestaltet, zu den Gesimsen gesellten sich Friese mit Medaillen und Triglyphen, die Dachkante bekrönten Balustrade.
Da der betrachtende Mensch in der Renaissance das Maß aller Dinge ist, wird sein räumliches Wahrnehmungsvermögen das Maß der Architektur.
Der Renaissancegeist hatte eine Entwicklung ausgelöst, deren Eigendynamik zum Ende dieser Epoche führte. Kopernikus erkannte durch Beobachtungen der Planeten, dass das von der Kirche hartnäckig verteidigte geozentrische System, nach dem die Erde Zentrum des Universums war, falsch sein musste ("Kopernikanische Wende" 1543). Die Entdeckung Amerikas erbrachte mit den Entdeckungen anderer großer Seefahrerexpeditionen den Beweis, dass die Erde keine Scheibe unter einer Käseglocke ist und die Prachtentfaltung der Renaissancepäpste führte zur Gründung einer neuen, von Rom unabhängigen Konfession. Die ausbalancierte Welt geriet ins Wanken.
Die Antwort der Fürsten wie des Klerus war ein Zurückdrängen des Strebens nach individueller Freiheit.
In ihren Hochburgen Frankreich und Deutschlands war die Gotik noch so dominant, dass sich der neue Baustil der Renaissance nur schwer durchsetzen konnte. Das die Kirchen dabei kaum ein Rolle spielten, hatte zunächst praktische Gründe: Die großen gotischen Gotteshäuser genügten den Bedürfnissen, viele waren im 15. und 16. Jh. noch im Bau. In Deutschland kam die Renaissance nicht richtig zur Entfaltung. Man benutzte Rechteckfenster, Gurtgesimse, teils mit Obelisken bekrönte, von Voluten flankierte und von Stockwerk zu Stockwerk schmaler werden ("gestaffelte" Giebel) zu Dekoration von Baukörpern, die sich seit der Spätantike kaum verändert haben. Kuppelbauten gab es in Deutschland praktisch nicht.
Bedeutender als die Baukunst waren die Konsequenzen, die sich in Deutschland aus dem Renaissancedenken auf religiösem Gebiet ergaben. Hier war der Unmut gegen die "zu stark verweltlicht" Kirche, mit der Prunksucht der Päpste, zu groß geworden.
Martin Luther übersetzte die nur in Latein verbreitete Bibel ins Deutsche und machte sie damit allgemein zugänglich. Die Reformverweigerung von Papst, Klerus und Kaiser führte schließlich zur Spaltung der Kirche, die Luther anfangs so wenig im Sinn gehabt hatte wie die meisten anderen Reformatoren.

Palazzo
In der italienischen Renaissance behalten die Palazzi die geschlossene, quaderartige Form des Mittelalters (z.B. toskanische Kommunalpaläste). Jedoch tritt der wehrhafte Charakter zurück und die Anlage gruppiert sich um einen Arkadenhof. Die in Venedig bereits vorgegebene Einbindung in Fluchten setzt sich fort bis hin zur Einbeziehung in größere Zusammenhänge der Stadtarchitektur u.a. mit Michelangelos Kapitolsplatz (seit 1547). Schließlich wird die rechteckige Form zunehmend zu Gunsten ausgreifender Flügelbauten aufgegeben, was zu den Schlossanlagen des Barock überleitet.




Barock und Rokoko - Das Leben als Fest

Der Wechsel von einer Kulturepoche zur nächsten vollzieht sich meist allmählich und zunächst unmerklich. Im besonderen Maße gilt dies für den Wechseln von der Renaissance zum Barock.
Die Zeit der Renaissance hatte auf vielerlei Wegen zu einem massiven Verlust der Macht der römischen Krone geführt. Große Teile Europas waren protestantisch geworden, die Anfänge der modernen, rationalen Wissenschaften hatten zahlreiche Glaubensgrundsätze - etwa über die Form der Erde oder deren Stellung im Universum - widerlegt. Die Kirche hatte ihr Bildungsmonopol verloren, der Sakralbau seine allein maßgebende Position in der Architekturentwicklung.
1545 begann mit dem Konzil von Trient die Gegenreformation, die einerseits überfällige Reformen innerhalb der katholischen Kirche brachte, anderseits eine massive Bekämpfung der Protestanten.
Protestantische Barockkirchen von überregionaler Bedeutung gab es kaum. Eine Ausnahme war die Dresdner Frauenkirche von Georg Bähr (1726-1738), die als Zentralbau entworfen ist.
Vor allem aber prägte die einsetzende Gegenreformation die Baukunst des Barock. Kirchliche und weltliche Macht waren absolut und durch das Gottesgnadentum legitimiert. Beider Autoritäten in angemessener Größe und Pracht zu repräsentieren, trat die barocke Architektur an. Die verwendeten Mittel waren sehr ähnlich: Die Macht sollte inszeniert, die Sinnlichkeit des Betrachters angesprochen werden; Verwirrung und Überwältigung waren ausdrückliche Ziele. So ist z.B. der Vorteil des Längsbaus einer Kirche für die Strategie der Gegenreformation offensichtlich: Wie auf einer Triumphstraße wird der Blick des Besuchers gelenkt, wodurch zahlreiche weitere Inszenierungen möglich werden.
Der Begriff "barock" wurde, wie manch andere Stilbezeichnung, zunächst abwertend gebraucht für eine Gestaltung, die als absonderlich und geschmacklos galt (das por-tugiesische Wort "barroco" bezeichnet eine unregelmäßig geformte Perle).
Als Eigenschaftswort wird es heute auch allgemein für ausladend, überbordend, schwülstig verwandt.
Die Phantasie der meisten Barockarchitekten war tatsächlich überquellend: Überall ging man daran, klare Konturen zu verwischen, Wände so weit als möglich aufzugliedern, zu schmücken und in bewegte, geschwungene Formen zu versetzen. Verschiedenste Teile der Fassade wurden vor- und rückgekurvt, die Fenster und Türen mit aufwendigen Bekrönungen wie Dreiecks- und Kreissegmentgiebeln versehen, die man oft sprengte, verkröpfte, bog, brach oder auch miteinander verschmolz. Die Gesimse (von denen jenes am Dach nicht selten von der Fensterbekrönung durchbrochen wurde) wurden stark abgestuft, weiter typischer Zierrat waren Girlanden, Vasen, Urnen, Putten, s-förmige Voluten, Ochsenaugen (ovale Fenster) und Kartuschen (ovales Rollwerk mit vielfältig und gegenläufig eingerollten Kanten).
Wie in der ähnlich prunksüchtigen römischen Antike entwickelte man eine Vorliebe für das römische Kompositkapitell und andere Vermischungen der antiken Ordnungen, für Pilaster (auch "Hermenpilaster", die sich nach unter verjüngen und ausdehnen oben ein menschlicher Oberkörper herauswächst) und funktionslose Säulen. Die Barockgestaltung war vielgliedrig, aber in der Gesamtwirkung stets monumental. Die Stützglieder wurden betont und massiert, beispielsweise Säulen und Stützen gepaart oder zur Kolossalordnung verlängert, also einheitlich über zwei Geschosse hinweg geführt, teils das gesamte Erdgeschoss als - eventuell rustizierte - Sockelzone ausgebildet.
Die Vielfalt der architektonischen Möglichkeiten war jedoch keineswegs eine chaotische Aneinanderhäufung von Schmuck und Zierrat, sondern folgte einem rational durchkomponierten Konzept, nicht selten den später sogenannten Gedanken des "Gesamtkunstwerkes" entsprungen. Dem Ziel, zu verwirren, zu beeindrucken und zu überwältigen, dienten deshalb nicht nur Größe, Bewegtheit und Pracht, sondern auch die unbedingte Symmetrie fast jeden Barockbaus sowie die starke Betonung der Mittelachse, zu der die Akzentuierung des dort befindlichen Portals beiträgt.
Die ganze Gesellschaft lebte "barock" und zeigte es stolz und offensiv nicht nur in der Kunst - wie in Plastik und Malerei und vor allem der Musik -, sondern in ihrer Art, prunkvolle Hof- und Kirchenfeste zu feiern. Diese zeigte sich insbesondere auch in der Mode, der Haarpracht, dem Mobiliar und sogar in der Sprechweise.
Im Barock liebte man glanzvolle Feste, Aufzüge, gesellschaftliche Ereignisse; nach Ansätzen in der Spätrenaissance kam es in dieser Epoche dann auch erstmals seit der Antike wieder in großer Zahl zur Errichtung fester Theaterbauten, nicht selten als Teil der großen Schlosskomplexe.
Nach der "Entdeckung der Welt" in der Renaissance wurde der "Glanz der Welt" nun als schmerzlich empfunden und vom Gedanke des Todes überschattet. Statt des vollkommenen, ruhigen Kreises, der Denken und Fühlen der Renaissance versinnbildlicht hatte, wurde die gespannte, unausgewogene, dynamische Form des Ovals (der Ellipse) zum Symbol des Barock, das auch in den Grundrissen immer wieder auftauchte. Dennoch hielt alle barocke Architektur an unbedingter Symmetrie fest.
Trachtete man in der Gotik nach Überwindung des als elend angesehenen Erdendaseins, so blickte man im Barock eher melancholisch auf die Vergänglichkeit des Lebens.
Entsprechend wurde großer Wert auf die Gestaltung der Kuppeln gelegt, die in dem Raumkonzept nicht mehr ruhender Mittelpunkt wie im Zentralbau der Renaissance war, sondern Zielpunkt einer Bewegung (ein weiterer Grund für die Rückkehr zum Richtungsbau). Die Kuppeln im Inneren sind Symbole des Himmels. Diese Symbolik, die durch die Erkenntnis der Naturwissenschaften keine Einbußen erlitten hatte, wurde durch eine entsprechende Ausmahlung betont, die den realen Himmel wie das religiöse Himmelreich zeigt, frohlockende, in den Wolken schwebende Engel und andere Figuren. Durch Verwendung einer raffinierten Perspektive wurde der Raum so ins unendliche gesteigert.
Mit mehr Schein als Sein einen prächtigen, reichen Eindruck zu schaffen war das wichtigste Ziel, das mit großen Aufwand verfolgt wurde: Gips wurde vergoldet, Holz so bemalt, dass es wie teurer Marmor wirkte. Die Gebäude sind breit gelagert, doch nicht besonders tief, nicht mehr der ganze Baukörper wird hervorgehoben, sondern vor allem die Fassade, die stark plastisch gegliedert wurde.
Blumen wurden zu geometrischen Figuren oder bizarr geschwungenen Flächen geordnet, Sträucher und Hecken zu kubischen Formen zurechtgestutzt.
Das religiöse wurde mehr und mehr zur Floskel: Zwar hielt sich der Herrscher für "von Gott begnadet", doch damit erklärte er sich praktisch zu dessen Stellvertreter auf Erden, der folglich die Kirche nicht neben und schon gar nicht über sich duldete. Ebenso strebte er danach, sich von allen, sowieso oft recht schwachen Mitbestimmungsmöglichkeiten des Adels oder des gehobenen Bürgertums frei zu machen. Der Herrscher besaß die alleinige Souveränität, die absolute und unteilbare Gewalt (Absolutismus).
Der Absolutismus erlangte seine höchste Ausprägung in Frankreich unter König Ludwig XIV. dem sogenannten Sonnenkönig, der mit dem Schloss von Versaille den Höhepunkt der barocken Profanarchitektur schuf.
Ihrem übersteigerten Selbstwertgefühl entsprechend, verherrlichten sich die Barockfürsten mit Schlossbauten, die alle Profanbauten seit der Antike an Glanz und Größe in den Schatten stellten und oft die Sakralbauten überboten.
Besonders groß und prachtvoll wurden die Treppenhäuser in den neuen Schlössern des damaligen Deutschen Reiches gestaltet. Sie waren Ausdruck einer späten, dafür aber umso machtvolleren Barockblüte in dem Land, über das mit dem Dreißigjährigen Krieg die bis dahin größte nationale Katastrophe gekommen war. Vordergründig ein Kampf zwischen Katholiken und Protestanten, trugen dabei verschiedene europäische Mächte ihre Konflikte auf deutschen Boden aus. Nach dem Westfälischen Frieden von 1648 war das weiterhin zerrissene Land in fast dreihundert Territorien zersplittert. Der in Wien ansässige, bis auf wenige Jahre stets von den Habsburgern gestellte Kaiser war zwar noch formell Oberhaupt des "Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation", faktisch jedoch in den nichthabsburgischen Gebieten nahezu machtlos.
Für das Aufblühen des Barocks war diese Konstellation gleichwohl von Vorteil: Nachdem um 1680 die schwersten Kriegsfolgen überwunden wurden und die "Türkengefahr", die jahrhundertelang drohende Expansion des Osmanischen Reiches über den Balkan hinaus nach Mitteleuropa, endgültig abgewandt war, wollten sich viele der zahllosen Fürsten mit großartigen Schloß und Gartenanlagen profilieren.
Die bedeutendsten Schlossbauten entstanden mit dem Fischer von Erlach entworfenen Schloß Schönnbrunn bei Wien, mit Andreas Schlüters Stadtschloß in Berlin und Schloss Ludwigsburg in der Nähe von Stuttgart, die Würzburger Residenz von Baltasar Neumann sowie dem Dresdner "Zwinger" von Daniel Pöppelmann, um nur einige zu nennen.
Der bereits erwähnte Baltasar Neumann schuf mit der Wallfahrtskirche Vierzehnheiligen einen Sakralbau, der mit seinem ungebundenen Raumsystem eine vollendete Synthese barocker Plastizität und schon rokokohafter Leichtigkeit darstellt, wobei der Widerspruch zwischen Langhaus und Zentralbau auf originelle Weise gelöst wird. Denn der zierliche Altar der vierzehn Nothelfer befindet sich nicht im Chor, sondern frei im Raum, mitten im Langhaus unter einem Baldachin, dessen Pfeilerstellungen ein oval umgrenzt. Auch Domenicus Zimmermann nahm diese Konzept mit der Wieskirche auf, entwickelte es aber noch dadurch weiter, dass er sich der Kirche nähernden Pilger "narrt": Die weiße und bescheidenen Schlichtheit des Kirchenäußeren lässt nicht einmal vermuten, von welcher märchenhafter Pracht das Innere ist.
Nach dem Tod Ludwig des XIV. 1715 setzte ein gewisser Überdruss an all dem Prunk und der Monumentalität ein. In Paris entstand ein neuer Stil, den man nach dem neuen König Ludwig XV. auch "Louise-quinze" nannte. Die gängigere Bezeichnung in Deutschland "Rokoko" leitet sich ab von dem französischen Wort "rocaille" = Muschel, die eines der Grundmotive des Stils wurde. Muschel- und Knorpelwerk, Blumen und Ranken umschlängelten die Bauglieder in naturalistischer oder auch bizarr stilisierter Form teils locker und asymmetrisch, teils sie um- oder überwuchernd.

Nicht nur das Dekor wurde feiner, kleiner und verspielter, die Ambitionen richteten sich stärker auf die Gestaltung des Innenraumes.
Es wird gern gestritten, ob das Rokoko als eigene Stilepoche oder als Variante des Spätbarocks anzusehen ist. Und auch wenn man Stilgrenzen annimmt, ist es eine Interpretationsfrage, ob man eine Dekoration als so zart und feingliedrig, einen Bau als so leicht und zerbrechlich wirkend betrachtet, dass man ihm dem Rokoko zurechnen will. Bald nach Mitte des 18. Jh. klang das Rokoko mit eher linearen, recht strengen uns sparsamen Verziehrungen aus, die man in Frankreich nach dem ab 1774 herrschenden König Ludwig XVI. "Louise-seize" nannte und in Deutschland später als "Zopfstil" verspottete.




Klassizismus - Architektur der Vernunft

Im rigiden Herrschaftssystem des Absolutismus entwickelte sich die Geistesbewegung der "Aufklärung". Nicht nur das Denken, das gesamte Leben wollte sie aus den traditionellen Bindungen lösen und strikt an der Vernunft, der Ratio, ausrichten ("Rationalismus").
Die Aufklärung, die im 18. Jh. immer mehr Anhänger fand, forderte auch politische Veränderungen, zumal sie wesentlich vom Bürgertum getragen wurde: Durch ihre Tätigkeit als Gelehrte, Geld- oder Warenhändler war rationales Denken und Handeln für die Bürger alltagsbestimmend; wirtschaftlich wurde ihre Bedeutung immer größer, doch von der Teilhabe an der politischen macht blieben sie in Ländern wie Deutschland oder Frankreich weitestgehend ausgeschlossen. Auch Monarchen, die einen "aufgeklärten Absolutismus" vertraten wie Friedrich II. von Preußen oder Joseph II. von Österreich konnten mit Reformen wie relativer Religionsfreiheit, Abschaffung der Folter oder Einführung eines geregelten Justizsystems die gesellschaftliche Kritik nicht lösen.
Im neuen Denken sollte Träger der Nation nicht mehr der Fürst, sondern das Volk sein. Von ihm musste folglich alle Staatsgewalt direkt oder indirekt (über gewählte Volksvertreter) ausgehen, wobei anfangs noch an eine Kontrolle und Machtbeschränkung des Monarchen durch Parlament und Verfassung gedacht war. Um Missbrauch und selbstherrliche Entscheidungen zu verhindern, sollte die Macht, die der absolut herrschende Fürst in seiner Hand vereinte, auf drei "Gewalten" (gesetzgebende, ausführende, rechtsprechende) aufgeteilt werden. Ferner sollte sich alles staatliche Tun nach festen, bekannten Regeln (Verfassung, Gesetze) richten, und nach einer gewissen Zeit sollte sich der Regent vom Souverän, also dem Volk, erneut einen Auftrag zum Handeln geben lassen. Und es sollte der Kontrolle durch die anderen Gewalten unterliegend, vor allem aber durch die öffentliche Kritik, in der sich der Aufklärung ohnehin alles Tun und Denken bewähren muss.
Architektonischer Ausdruck dieser Zeit war die sogenannten Revolutionsarchitektur (nicht benannt nach der Französischen Revolution von 1789), die stilistisch als Teil des Klassizismus vor allem eine Gegenreaktion auf die überschwängliche Formensprache des Barock und Rokoko darstellt: klare und elegante Linienführung an kompakten, meist stereometrischen Baukörpern, deren Prototyp der Antike Tempel ist.
Der Glaube an die menschliche Vernunft, die letztlich stets obsiegen und das Gute und Richtige bewirken werde, hatte aber nicht nur gravierende politische Folgen, sondern leitete auch eine starke Säkularisierung ("Verweltlichung") der Gesellschaft ein, die bis heute anhält: Der allein seiner Vernunft folgende Mensch kann einen Gott letztlich höchstens noch als Schöpfer, nicht aber als Lenker akzeptieren. Die Architektur sollte von nun an weder der Religion noch viel weniger den Feudalherren dienen.
Die griechische Baukunst wurde von vielen Architekten als einzig wahre Baukunst bezeichnet. Angesichts der Tatsache, dass die Aufklärung die geistigen Ansätze der Renaissance und des Humanismus fortführte, war der abermalige Rückgriff auf die Baukunst des Altertums nur folgerichtig. Stärker noch als im 15. und 16. Jh. sah man die Antike als Ursprung der Architektur an, die die ewigen Gesetze von Harmonie und Schönheit berge.
Schon Mitte des 18. Jh. war jedoch ein heftiger Streit darüber ausgebrochen, ob die griechische oder römische Antike historischen wie bauhistorischen Vorrang genießen sollte, ob Rom die griechische Kultur verfeinert oder verfälscht oder sich nicht ohnehin viel stärker an den Etruskern orientiert hat.
1738 bzw. 1748 begann die Ausgrabung der antiken Städte Hercalaneum und Pompeji, die im Jahre 79 bei einem Ausbruch des Vesuv verschüttet und dadurch "konserviert" worden waren.
Die gesamten letzten Jahrzehnte des 18. und ersten Dekaden des 19. Jh. hindurch dominierten klassizistische Gestaltungsprinzipien die Architektur: Klarheit und Reduktion in der äußeren Ansicht wie in den Grundrissen, Dominanz rechter Winkel und gerader Linien, stereometrische Baukörper, hart auf und nebeneinander gestellter Element, Ruhe, Strenge und Erhabenheit wie sie der "Größe" der verkörperten Ideen bzw. der von den Gebäuden zu erfüllenden Aufgaben angemessen waren, Ethos und Moral statt bewegter Pracht und Repräsentation. Das sparsame Dekor wirkte oft wie angeheftet, Risalite und Pilaster wie vorgeblendet.
Man setzte die Säulen wieder verstärkt konstruktiv und nicht nur schmückend ein: Die Form sollte wieder stärker der Konstruktion entsprechen, weshalb man auch die dorische und ionische Ordnung der prächtigeren korinthischen Ordnung oder gar dem Kompositkapitell vorzog.

Wie manch andere Revolution war auch die französische von 1789 bald weit über ihr Ziel hinausgeschossen. Erst wurde die Monarchie abgeschafft, die christliche Zeitrechnung durch eine neue, auf dem Dezimalsystem beruhende ersetzt, Kirchen und Klöster als "Stätten des Aberglaubens" geschlossen.
Der Höhe- und Endpunkt des Umkehrprozesses war erreicht, als nach Jahren der Machtkämpfe und des Terrors Napoleon Bonaparte an die Macht kam und sich 1804 zum Kaiser krönte. Zwar wurden seine Träume von einem Weltreich, nachdem er schon halb Europa unterworfen hatte, zu Fall gebracht; 1814-15 ordneten die europäischen Großmächte den Kontinent auf dem Wiener Kongress neu, die während der Kriege bedrängten Fürsten gegebenen Reformversprechen wurden gebrochen und unter Führung des österreichischen Außenministers und späteren Kanzler Metternich setzte vor allem in Mitteleuropa eine rigide Restaurationspolitik ein. Doch die alten Zustände, die unter dem Ansturm Napoleons oder durch dessen Reformen beseitigt worden waren, konnten nur mühsam und für begrenzte Zeit wiederhergestellt werden, wenn überhaupt. Die Ideen der Aufklärung lebten weiter, und der Klassizismus kam nun auch im restaurativen Deutschland zur Blüte.
Seine Zentren waren Baden, Bayern, Preußen und deren Hauptstädte: Karlsruhe, wo Friedrich Weinbrenner den barocken Stadtgrundriss mit klassizistischen Bauten füllte; München, wo Leo von Klenze, ein Schülers Gillys und Durands, ab 1816 als Hofarchitekt fundierte, und Berlin, wo mit dem Brandenburger Tor von Carl Gotthard Langhans der Gründungsbau des deutschen Klassizismus entstand. Diese errichtete man als Triumphtor am Anfang der Prachtstraße Unter den Linden; dass dieser eigentliche römische Bautypus jedoch in griechisch inspirierter Form gestaltet wurde, sollte typisch werden für die starke Orientierung an der griechischen Antike in Bayern und Preußen. Weiterhin wurden weitere wichtige antike griechische Bauwerke nachgeahmt. Dazu gehört auch die von Klenze erbaute Walhalla in der Nähe von Regensburg, die hoch über der Donau gelegene Parthenon-Kopie also Ruhmeshall für "große" Deutsche errichtet wurde.
Kirchen oder Schlösser von herausragender architektonischer Bedeutung entstanden nun kaum noch. Dem Bildungsideal des aufgeklärten Bürgertums folgend, wurden stattdessen nicht nur in Deutschland überall Museen, Bibliotheken, Theater gebaut - und diese oft mit einem Portikus versehen, also einem ursprünglich dem Sakralbau entstammenden Element.
Die Bildungsstädte war an die Stelle des Gotteshauses getreten, tatsächlich "Kunsttempel" oder "Bildungstempel" geworden; im Sinne der Aufklärung ging es nicht nur um Glauben, sondern um Wissen. So erhielten beispielsweise auch Banken und Börsen der Antike entlehnte Tempelfronten. Daneben wurden zunehmend Universitäten gegründet, Schulen, Regierungs- und Verwaltungsgebäude errichtet: Funktionen, die früher im Schloss oder Kloster zusammengefasst waren, erhielten nun eigenständige Häuser. Die moderne Gesellschaft verlangte nach stärkerer Spezialisierung.
Die Finanzierung all der Bauten ließ sich jedoch nicht mehr wie in der Feudalgesellschaft durch hemmungslose Ausbeutung der Bevölkerung bewerkstelligen, so dass sie zweckmäßig und sparsam errichtet wurden.
Karl Friedrich von Schinkel, einer der größten Architekten des deutschen Klassizismus vervollkommnete die Verschmelzung von antiker Formensprache und neuer Funktionalität, die von Friedrich Gilly in Frankreich erfunden wurde.
Gleichzeitig gab es auch andere architektonische Entwicklung: Die gefühlsbetonte, träumerische Romantik war eine Gegenbewegung zur rationalistischen, unsentimentalen Aufklärung.
So entstanden die "Englischen Gärten", die mit klassizistischen Bauten hervorragend harmonisierten.
Alles in der Natur sollte zufällig und harmonisch wirken, nicht - wie im Französischen Garten - in eine künstliche Form gezwungen, sondern vervollkommnet werden. Wollten die Sichtachsen im Barock durch Monumentalität beeindrucken, und durch die klare Ausrichtung des Blicks in Erinnerung rufen, wer Mittelpunkt war, so ging es jetzt darum, die Natur mit überraschenden und anregenden Durchblicken zu verfeinern. Was man erblickt, ist dagegen von betonter Romantik: antike Tempel, Steinbrücken, kleine Schlösser und künstlerische Ruinen. Gern bediente man sich dabei gotischer Formen.




Historismus - Die technische Revolution

Von der Antike ausgehend und einige ihrer Gestaltungselemente aufgreifend, hatte der Klassizismus manch zukunftweisendes hervorgebracht: Die stereometrischen Baukörper, die tektonische Klarheit, die geraden Linien und die Sparsamkeit des Dekors - dies alles barg bereits moderne Ansätze in sich. Den Historismus , den man auch als manieristischen Ausklang des Klassizismus verstehen könnte, verleugnete diese Ansätze nicht, sondern nutzte sie im Gegenteil in Baukonstruktion und Raumgestaltung. Doch statt eines solchen vorgehend konsequent sichtbar zu machen, ging man dazu über, zusätzlich andere Stilformen der Vergangenheit - nicht allein der abendländischen Baukunst - in die Fassadengestaltung einzubringen. Wie spielerisch, oder in der angst des technischen Fortschritts, versteckte man neue bautechnische Möglichkeiten hinter vertrauten, aber eben nunmehr vorgeblendeten Formen.
Den Anfang machte die Rückbesinnung auf die Gotik. Ab der Wende zum 19. Jh. gab es immer wieder Ansätze zur Wiederbelebung der Gotik ("Gothic revival") in England. Ähnlich verhielt es sich in Deutschland, dessen nationales Selbstbewusstsein nach dem Sieg über das napoleonische Frankreich gestärkt worden war, jedoch noch keine Erfüllung in einem Nationalstaat gefunden hatte. Zum Anfang des Historismus hielt man den gotischen Stil für spezifisch deutsch. Erst in der zweiten Hälfte des 19. Jh. legten die Kunstwissenschaftler dar, dass die strenge, erhabene Kathedralgotik - wie man sie etwa im Kölner Dom perfekt umgesetzt fand - französi-schen Ursprungs war, also ausgerechnet aus dem Lande kam, das man als Erbfeind betrachtete.
Charakterisierend für den Historismus war, dass man sich eines vergangenen in seiner Entwicklung längst abgeschlossenen Stils bediente - weswegen der gesamte Historismus auch als "Eklektizismus" bezeichnet wird - und mit diesem versuchte eine völlig neue Bauaufgabe zu lösen. Dabei wandte man die Regeln des Stils in "akademischer" Strenge und Exaktheit an, wie sie den Baumeistern der vergangenen Zeit niemals in den Sinn gekommen wären, da gerader ihr freier Umgang mit dem Formenkanon sie Bedeutendes schaffen ließ.
Welche Versatzstück auch verwendet wurden, so stimmten doch in den meisten Fällen vor allem die Proportionen nicht mehr. Die neuen Gebäude hatten ganz andere Dimensionen als jene, für die die Stile einst geschaffen worden waren.
Doch nicht nur immer mehr einzelne Bauten erlangten bis dahin kaum gekannte Dimensionen; auch die Menge der Häuser, die gebaut wurden, erreichten ab der Mitte des 19. Jh. einen Umfang, gegen die die Baulust barocker Fürsten sich beinahe geringfügig ausnahm.
Nicht mehr einzelne, oft hochgebildete Personen - Fürsten, Bischöfe oder wohlhabende Bürger - waren jetzt die Bauherren, sondern meist anonyme Gruppen und Gremien. Hinzu kam, dass mit der Entwicklung zur arbeitsteiligen Industriegesellschaft von nun an die verwaltende und politisch führende Elite oft nicht mehr identisch mit der geistigen war. Dies bewirkte Zwangsläufig eine größere Dominanz des Massengeschmacks: Man orientierte sich an dem, was bekannt und anerkannt war.
Der Massengeschmack wurde jedoch - als zweiter wesentlicher Aspekt - von tiefgreifender Verunsicherung geprägt: Der Siegeszug der Maschinen brachte zusammen mit den sich ebenso stürmisch entwickelnden Naturwissenschaften innerhalb weniger Jahrzehnte größere Veränderungen in allen Lebensbereichen mit sich als jedwede Epoche zuvor.
Angesichts der Konkurrenz schneller und preiswerter maschineller Produktion mussten viele Handwerker ihre Werkstatt aufgeben, in die Stadt ziehen und sich in einer Fabrik verdingen. Das Wissen und Können, das sie an die nächste Generation weitergegeben hätten, ging verloren.
So war es in allen Bereichen: was schweres Schmiedehandwerk gewesen war, ließ sich nun aus Gusseisen herstellen; an die Stelle aufwendiger Bildhauerarbeiten traten maschinell produzierte Dekorteile - wie Katalogwaren, die nach Bildern ausgesucht, bestellt und dann nur noch an die Wände geklebt wurde.
Man war zerrissen zwischen Fortschrittseuphorie und romantischer Verklärung der Vergangenheit.
So zeigte der Berliner Reichstag von Paul Wallot Anklänge an die Spätrennaissance, wies aber nicht von deren heiterer wie nobler Pracht auf, sondern wirkte klobig und schwer. Diesem Bau wurde dann eine leichte Eisen-Glas-Kuppel aufgesetzt - für ein Gebäude mit so herausgehobener Funktion selbst in den 1880er Jahren noch ein ästhetisches Wagnis.
Vor allem in Ländern, die im Mittelalter eine kulturell führende Rolle gespielt hatten wie Frankreich, Deutschland und England, wurden zahlreiche historische Gebäude oder auch ganze Burganlagen restauriert.
Häufig ging man aber auch bei den Restaurierungsarbeiten mit einer akademischen Strenge und Starrheit vor, die mehr Schaden anrichtete als nutzte, zumal man gern die Geschichte der Bauten "korrigierte", "Stilunreinheiten" oder spätere Veränderungen entfernte, dafür aber unausgeführt Gebliebenes "nachholte". So kam es zur Fertigstellung unvollendet gebliebener Großbauten wie dem Kölner Dom, dem Ulmer Münster oder dem Berner Münster. Und wo nichts zum Restaurieren vorhanden war, entstanden einfach Neubauten in freier Nachahmung, etwa das bayrische Schloß Neuschwanstein in einer Mixtur aus etwas Romanik und viel Phantasie.
Mit Hilfe solch architektonischer Fälschungen ließ sich nicht nur hervorragend aus der Gegenwart fliehen, sondern auch kulturelles Minderwertigkeitsbewusstsein entgegenwirken oder ein anderer Verlauf der Geschichte vortäuschen: Für Städte, die erst im 18. oder 19. Jh. zur Bedeutung gelangten, wurden neogotische Rathäuser gebaut, in den preußischen Gebieten östlich der Elbe, in denen sich zur Zeit der Spätromanik die deutsche Besiedlung erst durchsetzt hatte, neoromanische Großbauten.
Die Elemente der abendländischen Baugeschichte ergänzte man bald um solche fremder Kulturen, auf die europäischen Kolonialmächte im Zuge ihrer Eroberungen gerade stießen und die sie gerne kopierten. So wurden Bauten mit barocken, römischen, griechischen, assyrischen und Renaissance-Zierformen übersät. Dazu kamen indische und chinesische Elemente. Immer wildere "Neo-Stile" und Mixturen entsprangen der Phantasie der Baumeister. So sehr man Überkommendes imitierte, so wenig Achtung schenkte man aber den historischen Stilzeugnissen, die aus ihren ursprünglich reinen Zusammenhängen gerissen wurden.
Durch das starke Bevölkerungswachstum und der Landflucht derer, die in der Agrarwirtschaft und dem dörflichen Handwerk keine Zukunft sahen, stattdessen aber in der nächsten städtischen Fabrikhalle Arbeit fanden, vervielfachten die Städte ihre Einwohnerzahl innerhalb weniger Jahrzehnte. Entsprechend dehnten sie sich immer weiter aus und wurden zugleich immer dichter besiedelt.
Stadtplanung bestand in der zweiten Hälfte des 19. Jh. noch immer im Wesentlichen in der Festlegung von Fluchtlinien, Traufhöhen und einigen feuerpolizeilichen Bestimmungen - eine berühmte war jene in Berlin, nach der die Mindestgröße der Hinterhöfe dem Wendekreis der Feuerwehrspritze entsprechen musste: ganze 28,52 Quadratmeter.
Alles andere blieb dem freien Wettbewerb überlassen. Sozialhygenische Ansätze, wie sie etwa noch Peter Joseph Lenné in den 1840er Jahren mit seinen Grünzugsplänen für Berlin verfolgte, spielten keine Rolle mehr. Immer stärker wurde die gestaltlos zerfließende Masse der Stadt mit gradlinigen Straßenzügen geordnet, der Verkehr beschleunigt und der Hauptstadt ein repräsentatives Gesicht gegeben. Daneben spielte der Gedanke eine Rolle, dass durch die Breite der Boulevards der Bau von Barrikaden erschwert würde - eine politische Vorsichtsmaßnahme nach den Aufständen von 1848. Die historische Stadtstruktur wurde mitsamt den Gebäuden rücksichtslos beseitigt.




Siehe hierzu auch Informationen zum Thema:
Geschichte des Ziegels
Historische Mörtel
Geschichte der Denkmalpflege
Anmerkungen zum Denkmalschtzgesetz von Berlin
Referenzliste eingetragener denkmalgeschützter Gebäude